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Die Welt ist ganz real digital.

Nachfolgender Artikel erschien im Motorist Ausgabe 3/13 auf den Seiten 54 bis 56: Der Motorist ist das Fachmagazin für den Motorgerätefachhandel.

Real digital (1)

Haben Sie sich einmal selbst gefragt, wie viel Zeit Sie “im Internet” verbringen? Und wenn ja: rechnen Sie dazu nur die Zeit am Computerbildschirm? Oder auch all die kurzen und längeren Blicke auf Ihr Smartphone? Ihr Tablet? – Schwierig, nicht wahr?

Früher sprach man von “online“, gerade weil man sich über ein Kabel einwählte – und zwar nur vor dem Computer, ortsgebunden. “Offline” war die gesamte andere Zeit. Und heute? Es ist schon schwer, eine Selbsteinschätzung vorzunehmen.

Eine strikte Trennung von online und offline ist sogar kaum noch sinnvoll oder gar überprüfbar vorzunehmen: Unsere Welt ist mindestens genauso digital und “virtuell”, wie sie analog und “real” ist.

Obendrein geht die Entwicklung der Verschmelzung von Digitalem und Analogem weiter: Google wird früher oder später “Google Glasses” auf den Markt bringen: eine Brille, die fortlaufend das lokal Gesehene mit digitalen Informationen anreichert.

Es ist folglich müßig, weiterhin trennen zu wollen, was ganz offensichtlich und permanent verbunden ist. Die Welt ist ganz real digital – beides allgegenwärtig und nicht aufzulösen. Der Einfachheit halber die “Realität” zu ignorieren, führt – wie immer – ins Nichts.

Erwartungen

Viel spannender ist doch die Frage, wie die Welt – und zwar genauso wie sie ist – Nutzen schaffen kann? Wie man etwa geschäftliche Vorteile aus all den verschiedenen handfesten und elektronischen Ebenen ziehen kann. Wie man unternehmerisch die Verschmelzung sinnvoll vorantreiben oder unterstützen kann.

Die Kernfrage lautet damit ganz klassisch: Was erwarten meine Kunden von mir? Wann, wo und wie wollen meine Kunden mich ansprechen, angesprochen werden – oder lieber nur anonym Zugang zu Informationen haben?

  • Ist es aufmerksam, passiv neben einem Kunden zu stehen und ihm ein Video vorzuführen, auf dem genau der Rasenmäher zu sehen ist, der keine 2 Meter entfernt im Laden steht? Mediale Kommunikation, obwohl offenbar der Wunsch zum Gespräch und Anfassen ins Geschäft führte und das Video jederzeit und überall abgerufen werden kann?
  • Ist es passend, einen Kunden auf der eigenen Facebook-Seite auf die eMail-Adresse oder Telefonnummer zu verweisen, obwohl offensichtlich im öffentlichen Raum gefragt wurde? Vielleicht auch, um einen gewissen sozialen Druck aufzubauen und endlich eine Antwort schwarz auf weiß zu erhalten?
  • Ist es höflich, keinen Ansprechpartner, keine eMail-Adresse oder Telefonnummer auf der eigenen Website zu nennen und Interessenten auf den Bestellbutton oder ein anonymes Onlineformular zu verweisen?

Bei all diesen Fragen, die sich vielfältig ergänzen lassen, geht es um aufmerksame, passende und höfliche Kommunikation. Und natürlich gilt dies immer für beide Seiten!

Soziale Spielregeln

Die Welt ist real digital, aber die grundsätzlichen Spielregeln haben sich nicht verändert: Sie haben sich stark differenziert, sind häufig sehr subtil und es ist schwerer geworden, den richtigen Ton zur richtigen Zeit und am richtigen Ort zu treffen. Duzen wir uns jetzt alle? Oder doch nur im Möbelhaus?

Es ist sicher ein guter erster Schritt, sich hier im MOTORIST, im Web, in Seminaren oder Workshops mit den Gepflogenheiten, den geschriebenen und ungeschriebenen Regeln vertraut zu machen und Rat einzuholen.

Wir werden in den kommenden Ausgaben sehr konkrete und nutzungsorientierte Informationen, Tipps und Ideen zu einzelnen Onlinediensten und ihrer Integration in das lokale Geschäft geben.

Unumgänglich ist allerdings die eigene, aktive Teilnahme: Soziale Regeln und Grenzen werden schneller deutlich und können so weitaus besser einbezogen werden. Ideen, die ohne Erdung ausgedacht und umgesetzt werden, wurden schon häufig zum Boomerang – oder verpufften teuer und wirkungslos im Raum.

Medienkompetenz ist in den letzten 20 Jahren zu einem elementaren Schlüssel geworden: Sie öffnet neue Türen zum Kunden – oder schließt sie für immer, wenn etwa zuallererst laut ein Sonderangebot in den Raum geschrieen wird, statt einer freundlichen Begrüßung.

Medien

Gespräche unter vier Augen sind sehr wirksam, Missverständnisse leicht zu erkennen und auszuräumen, Aufmerksamkeit ist Grundvoraussetzung. Warum also überhaupt Medien einsetzen und damit bewusst Abstand schaffen?

Weil Kunden einen zusätzlichen Medieneinsatz erwarten, wünschen und sogar verlangen. Kommen Unternehmen diesem Wunsch nicht nach, schaffen sich Kunden heute selbst eine Plattform. Nichts leichter als das.

Und aus der Unternehmensperspektive: Es ist elementar, Interessenten zu finden, Bestandskunden fortlaufend zu informieren und über die Grenze des Ladengeschäfts hinaus zu kommunizieren.

Multikanalstrategie

Allzu gerne wird in diesem Kontext von der “Multikanalstrategie” gesprochen: Das Konzept an sich ist völlig richtig, allerdings auch sehr missverständlich. Es geht dabei eben nicht zwingend darum, auf allen Kanälen unmittelbar zu verkaufen oder gleich vom lokalen Fachhändler zum weltweiten Versandhändler zu werden.

Es geht vielmehr darum, auf allen relevanten Kanälen präsent zu sein und Kunden dorthin zu führen, wo optimal beraten und verkauft werden kann – im Kundeninteresse und im Unternehmensinteresse!

Jedes Unternehmen hat spezifische Stärken und diese sollten sich immer in der primären Vertriebsart widerspiegeln, die obendrein von Produkten oder Dienstleistungen und vielen anderen Faktoren bedingt wird.

Apple ist insofern ein sehr interessantes Beispiel, als der IT-Riese heute einer der erfolgreichsten stationären Fachhändler weltweit ist, mit enormer Beratungsintensität und Quadratmeterumsätzen von über 50.000 Euro pro Jahr! Selbst Schmuckhändler werden da neidisch.

Kanalwahl

Welche Kanäle sind also für die Kommunikation und den Vertrieb von Gartentechnik “relevant“? Darüber entscheidet erfreulicherweise immer und zuallererst der Kunde.

Alle Marktdaten zeigen sehr deutlich, dass der mit Abstand größte Umsatzanteil auf den lokalen Fachhandel entfällt und in den letzten Jahren sogar leicht gewachsen ist. Gleichzeit verkauft die Großfläche genauso deutlich die höchsten Stückzahlen.

Der klassische Versandhandelsanteil war immer relativ gering und hat in den letzten 20 Jahren weiter abgenommen. Er wurde und wird durch den Onlinehandel ersetzt. Und das läßt sich sehr gut branchenübergreifend beobachten.

Online ist insofern der einzige signifikant und sehr schnell wachsende Vertriebsweg. Und in einigen Branchen hat er längst damit angefangen, massiv Marktanteile von Vertriebswegen neben dem klassischen Versandhandel zu übernehmen.

Im Bereich Gartentechnik gibt es hierzu keine belastbaren Daten: Messbar ist allerdings, dass es vor allem Produkte in niedrigen Preissegmenten sind, die besonders stark direkt online gehandelt werden. Gleiches gilt für Gebrauchtmaschinen.

Die weitere Elektrifizierung der Gartentechnik wird sehr wahrscheinlich einen spürbaren Einfluss haben, da hier das Serviceerfordernis nicht so deutlich hervortritt wie bei Maschinen mit Verbrennungsmotor. – Wer den Fernseher online bestellt, bestellt möglicherweise auch die Akkumotorsäge online.

Online und Offline

Sehr viele Fachhändler für Gartentechnik haben bereits in den letzten 10 Jahren das Web als Präsentationsfläche gefunden und nutzen diese heute sehr aktiv.

Vom lokalen Fachhändler zum reinen Onlineverkäufer ist dabei niemand geworden: Wenn überhaupt, dann mit der durchaus teuren Hilfe von Amazon und eBay unter massivem Preisdruck.

Gefunden

Entscheidend war und ist es für einen stationären Fachhändler zuallererst, optimal im lokalen Kontext gefunden zu werden. Dabei geht es vor allem um die klassische Google-Suche, etwa nach: “Rasenmäher Berlin”

Heute werden sehr viele Suchanfragen direkt vom Smartphone aus erledigt – und die Ergebnisse automatisch lokalisiert ausgegeben: Wer nach “Rasenmäher” sucht (oder einfach fragt) und sich in Berlin aufhält, erhält dieselben lokalen Ergebnisse.

Neben die eigene Website sind eine Vielzahl von Onlinediensten getreten, die fast immer auch eine lokale Komponente haben: Und genau diese Dienste haben das Zusammenwachsen von Digitalem und Realem so stark forciert.

Twitter, Facebook und Foursquare, aber auch Flickr und YouTube sind ohne das Smartphone gar nicht oder nur schwer vorstellbar. Sie verdanken ihren rasend schnellen Aufstieg der permanenten mobilen Verfügbarkeit und vor allem kontinuierlichen mobilen Informationseingabe.

Im Fluss

Der gravierende Unterschied all dieser Dienste zu einer Suchanfrage ist der “Stream“, also der kontinuierliche, nicht enden wollende Fluss an Neuigkeiten, der nicht erst gesucht werden muss, sondern abonniert werden kann.

Und genau hier findet der Gartentechnik-Fachhandel heute so gut wie nicht statt: Er ist in der Breite so unsichtbar wie im Web und bei Google vor 10 Jahren. Und dabei gibt es einige sehr gute Beispiele, die längst zeigen, dass und wie es funktionieren kann.

Das Zusammenwachsen von Online und Offline kommt dabei ganz eindeutig dem Facheinzelhandel entgegen:

  1. Soziale Netzwerkdienste wie Twitter, Facebook oder Google Plus erlauben Kunden das problemlose Abonnieren (und Stornieren) von lesenswerten (!) Nachrichten, Unternehmen das ebenso leichte Publizieren von Links, Fotos, Videos rund um den Betrieb und das eigene Angebotsspektrum. – Viel wichtiger aber: beide können sich noch besser kennenlernen und aufeinander einstellen. Dies erweitert die Beratungsmöglichkeiten und -intensität, gleichzeitig entspricht es dem für den Vertrieb im Facheinzelhandel so wichtigen Servicegedanken.
  2. Publikationsdienste wie Flickr und YouTube aber auch Pinterest und Tumblr ermöglichen das schnelle und einfache Veröffentlichen und automatische oder gezielte (Mit-)Teilen (1.) besonders bildreicher Informationen. Sie organisieren, strukturieren, archivieren Medieninhalte und haben selbst Netzwerkcharakter und Streams. – Das Erstellen von Inhalten wird häufig als die größte Hürde wahrgenommen und auf Nachfrage immer wieder als besondere Herausforderung benannt. Und nicht nur Händlern, sondern auch Herstellern der Branche fehlt es an einer erkennbaren Inhaltsstrategie. – Wir werden daher im nächsten Artikel auf die heute vermutlich einfachste Publikationsform eingehen: das Video! Es mag verwundern, aber dank des Smartphones ist das Produzieren und Publizieren heute schneller und einfacher erledigt, als das häufig als besonders anstrengend bezeichnete Schreiben von Texten.
  3. Besonders hervorzuheben sind abschließend die ausschließlich lokalen und häufig auch ausschließlich mobilen Dienste, die für eine direkte Verbindung zwischen lokalem Ladengeschäft und der virtuellen Welt sorgen können. – Die Möglichkeit, den eigenen Standort mitzuteilen, sei dies auf Foursquare, Facebook, Google+ aber auch Twitter, kann eine enorme Werbewirkung erzeugen. Sie will allerdings verdient und unterstützt werden. – Ausnahmslos spannend sind die Möglichkeiten, automatisch Mitteilungen an Interessenten weiterzuleiten, die sich in der Nähe oder sogar im Geschäft aufhalten. Dabei kann es sich um kurze Tipps aber auch aktuelle Angebote oder Coupons handeln.

Mitmachen!

Die Welt ist real digital und sie bietet viele neue Chancen, anders, aber sehr effektiv Verbindung zu Interessenten und Kunden aufzunehmen, zu halten und zu intensivieren.

Und sie bietet daneben viele Chancen, unmittelbar zu verkaufen: Welche davon zum eigenen Unternehmen und den eigenen Kunden passt – oder ob konzentriert über einen Vertriebsweg beraten und verkauft werden soll, muss jeder Unternehmer für sich entscheiden.

Elementar ist das Mitmachen! Kommunikation lässt sich weder ignorieren, noch funktioniert sie theoretisch. Praxis durch Testen und Messen sind die besten Wege, um Erfolgreiches und Uninteressantes zu erkennen und sich entsprechend zu verhalten. Aufmerksamkeit gibt es nirgendwo kostenlos und der Aufwand muss im Verhältnis zum Ertrag stehen.

Gerrit Eicker

 

Gerrit Eicker, im Mai 2013; kommentieren

Der Originalartikel aus dem Motorist 3/13, S. 54ff.:

Soziale Netzwerke: eine Einführung 

Nachfolgender Artikel erschien im Motorist Ausgabe 5/09 auf den Seiten 40 bis 42: Der Motorist ist das Fachmagazin für den Motorgerätefachhandel.

Mund-zu-Mund-Propaganda digital

Soziale Netzwerke, oder auf Englisch: Social Networks, sind nichts Neues. Jeder hat sein Beziehungsgeflecht, das er für seine Zwecke nutzt. Ein Unternehmer lebt geradezu von seinen Beziehungen, denn nur damit werden alte Kontakte gepflegt und neue ermöglicht. Nun sind neue, digitale Verknüpfungsmöglichkeiten entstanden, die in diesem Beitrag aufgezeigt werden sollen.

Wir alle richten Fragen zunächst an die Familie, an Freunde, an Bekannte. Oder kurz: an Menschen, denen wir vertrauen und deren Kompetenzen wir gut einschätzen können. Erst danach wenden wir uns an professionelle Berater. Und selbst dabei vertrauen wir auf unser Netzwerk: “Kennst Du jemanden, der mir da weiterhelfen könnte? Wo hast Du gute Erfahrungen gemacht?” Aus Perspektive des Unternehmers heißt das dann schlicht Mund-zu-Mund-Propaganda.

Im Internet versuchen es der Motorgerätefachhandel und auch die Industrie so gut wie gar nicht mit dieser Taktik, obwohl sich die Möglichkeiten heute in Dimensionen erstrecken, die vor wenigen Jahren schlicht undenkbar waren:

Zwei Drittel der Deutschen sind online. Das verbliebene Drittel ist über 70 oder schlecht gebildet, mit niedrigem Haushaltsnettoeinkommen.

Die Internetnutzung liegt bei durchschnittlich 136 Minuten/Tag. Um es zu wiederholen: Das sind über 2 Stunden, täglich!
Kommunikation mit Dritten ist weiterhin die Haupttriebfeder, um das Netz zu nutzen.
Drei Viertel der Onliner und damit jeder zweite Deutsche organisiert sich bereits heute in mindestens einem der verfügbaren Sozialen Netzwerke.

Worum geht es?

Was treibt Otto Normalverbraucher zu Facebook, Twitter, MySpace, MeinVZ, StudiVZ, SchülerVZ, WKW, Lokalisten und den vielen kleineren, thematisch fokussierten Netzwerken? Und was treibt Unternehmer zu Xing, LinkedIn, Facebook und überall dorthin, wo Otto bereits unterwegs ist?

Für Otto ist es zunächst einmal die einfache und – soweit gewollt – sehr transparente Vernetzung mit dem gesamten eigenen Bekanntenkreis: In einem ersten Schritt wird nach der Anmeldung ein eigenes Profil mit Bild, Kontaktinformationen und ein paar Links zusammengestellt. Im zweiten Schritt vernetzt man sich mit allen Bekannten im Rahmen des jeweiligen Netzwerkes. Danach stehen eine Vielzahl von Kommunikationsmöglichkeiten offen: persönliche Nachrichten (analog einer eMail), Chats, Foren und sogenannte Streams, in denen kurze Statusnachrichten an alle veröffentlichen werden können. Das alles gab es schon vorher.

Aber es geht natürlich weiter: Die Möglichkeiten des Austausches von Texten wird ergänzt um Bilder, Audio und Video. Plötzlich wird es möglich, am Leben seiner Bekannten teilzuhaben, manchmal fast schon minutiös. Das nennt sich dann Lifestreaming. Das ursprüngliche Profil wird dabei mit jeder weiteren Information und durch die weitergehende Vernetzung mit Dritten ergänzt und kann sich zu einem sehr umfangreichen Abbild der Persönlichkeit verdichten: dem sogenannten Social Graph (auf Deutsch etwa: Soziales Koordinatensystem).

Getrieben wird diese Entwicklung von persönlicher Neugier und persönlichem Mitteilungsbedürfnis, dem Wunsch, Erlebnisse und Erfahrungen mit dem eigenen Netzwerk zu teilen und zu diskutieren. Dazu gehört häufig sehr viel Persönliches, aber ebenso Erfahrungen mit Dienstleistungen, Produkten und Marken.

Werkzeuge für engagierte Unternehmer

Was bedeutet diese Entwicklung für Unternehmer? Welche Chancen eröffnen sich, welche Risiken bestehen? Zunächst einmal die äußerst erfreuliche Nachricht: Die Gesamtentwicklung lässt sich hervorragend mit Altbekanntem vergleichen. Viel mehr noch: Sämtliche Tools sind wie geschaffen für jeden engagierten Unternehmer, der seine Kunden ernst nimmt und sich gerne mit Ihnen austauscht und auseinandersetzt.

Bevor verschiedenste Medien die Kommunikation abstrahierten, also vom einzelnen abhoben, gab es letztendlich nur 4 Kommunikationsformen: das Gespräch unter 4 Augen, das Gespräch in größerer Runde, den Vortrag vor großem Publikum und die von der Person unabhängige Präsenz, also das, was Dritte in Abwesenheit sagen. Nicht mehr, nicht weniger. Eine durchaus übersichtliche Angelegenheit.

Der Markt im Wort – wie im kommerziellen Sinne war und ist nichts weiter als eine Vielzahl solcher Gespräche, die proaktiv von den Marktteilnehmern gesucht werden. Märkte waren, sind und werden absehbar nichts anderes sein als Gespräche. Gespräche zwischen Anbietern und Nachfragern, zwischen Anbietern und zwischen Nachfragern. Gespräche über Vertrauen. Gespräche über Vertrauensvorschüsse.

Abstraktion, etwa Werbung, hilft, um die eigene Präsenz zu vergrößern, um mehr Gespräche über sich, das Unternehmen, Marken, Produkte bei Dritten hervorzurufen, entbindet aber regelmäßig nicht vom direkten Gespräch, wenn im Ergebnis auch verkauft werden soll.

Schon große Reichweiten

Soziale Netzwerke, speziell mit ihren heutigen Reichweiten, eröffnen einen zusätzlichen Weg, an diesen Gesprächen teilzuhaben, teilzunehmen und sogar zum Gesprächsthema zu werden. Es geht zurück auf dem Weg in die Zukunft. Zurück zum Markt in seiner ursprünglichen Form. Für Fachhändler zweifelsohne ein Eldorado. Apropos Reichweiten (Zahlen für Deutschland im Juli 2009; Nielsen):

    • Facebook: 6,2 Millionen Nutzer (weltweit: > 250 Millionen!)
    • WKW: 6,0 Millionen Nutzer (nur Deutschland)
    • StudiVZ: 4,3 Millionen Nutzer (nur Deutschland)
    • MySpace: 4,2 Millionen Nutzer (weltweit: > 120 Millionen)
    • Xing: 3,6 Millionen Nutzer (einige weitere europäische Länder)
    • SchülerVZ: 3,6 Millionen Nutzer (nur Deutschland)
    • MeinVZ: 3,3 Millionen Nutzer (nur Deutschland)
    • Twitter: 2,0 Millionen Nutzer (etwa 150T aktiv; weltweit: > 50 Millionen Nutzer)
    • LinkedIn: 0,4 Millionen Nutzer (weltweit: > 40 Millionen Nutzer)

Facebook hat kürzlich das mittelfristige Ziel von 1 Milliarde Nutzer ausgegeben: Das wären zu diesem Zeitpunkt dann etwa 35 bis 40% aller weltweiten Onliner (aktuell 1,7 Milliarden) und erscheint in Anbetracht der bisherigen Wachstumsdynamik durchaus realistisch, fast schon konservativ.

Zwischen den einzelnen Netzwerken gibt es vielfältige Überschneidungen der Benutzer, aber ebenso klar messbare sozio-demographische Unterschiede und damit Trennungen. Nur auf ein, selbst sehr großes Netzwerk zu setzen, ist daher langfristig nicht empfehlenswert. Noch lassen sich auf keinem Netzwerk alle privaten oder geschäftlichen Kontakte finden. Und noch gibt es keinen unabhängigen Social Graph, also die Möglichkeit, alle Informationen und Kontakte ohne größeren Aufwand – wenn überhaupt – von Netzwerk A nach Netzwerk B umzuziehen.

Der Einstieg

Wie also anfangen? Mit welchem Ziel? Auf welchem Netzwerk? Was sind konkrete Voraussetzungen? Ein paar Tipps vorab:

Kehren Sie vor Ihrer digitalen Tür, bevor Sie loslegen
      : Sie benötigen eine gute, aktuelle Website, auf die Sie Ihre Netzwerktätigkeit fokussieren können. Sie benötigen dort eine vollständige Präsentation Ihrer Leistungen, Transaktionsmöglichkeiten und vor allem Kommunikationsmöglichkeiten außerhalb der Netzwerke.

Seien Sie, wie Sie sind: Sollten Sie kein herausragend guter Schauspieler sein (Weltklasseniveau!), dann versuchen Sie auf keinen Fall etwas vorzugeben, was Sie nicht sind. Delegieren Sie Ihr persönliches Profil und den Kern der Kommunikation über dieses Profil nicht an Dritte. Weder an die PRler im Haus, noch an eine Agentur. Sie werden ansonsten, wie schon alle anderen vor Ihnen, scheitern. Menschen, zumal diejenigen, die Sie kennen, riechen Lug und Betrug gegen den Wind.

Seien Sie verbindlich: Wenn Sie sich für ein oder mehrere Netzwerke entschieden haben, nutzen Sie diese kontinuierlich und strukturiert. Geben Sie Dritten das Gefühl, tatsächlich da zu sein, teilzunehmen, zuzuhören. Überhaupt sind Zuhören und Kommentieren gerade zu Beginn erfolgreicher als reines Drauflosreden. Lernen Sie von Ihrem Netzwerk. Verhalten Sie sich in den ersten Monaten strikt reaktiv, nicht proaktiv.

Binden Sie Ihre Mitarbeiter ein: Durchschnittlich werden Sie persönlich aktuell auf etwa 200 direkte Kontakte kommen, der Großteil aus Ihrer Region. Ein durchschnittlicher Motorist kann diese Reichweite über seine Mitarbeiter leicht auf 1.000 Kontakte und mehr ausbauen, und zwar: generationenübergreifend! Das ist schon jetzt eine spannende, signifikante Größenordnung, selbst ohne Multiplikatoreffekte durch das Netzwerk.

Sie sind mehr als ein Motorist: Selbst wenn Sie 100%ig von Motorgartengeräten überzeugt und begeistert sind, gibt es daneben eine Person, die auch andere Interessen hat. Seien Sie, mit Ausnahme von reinen Branchenbüchern wie Xing und LinkedIn, keine Litfaßsäule, sondern … so wie Sie sind. Auch mit Ihren Kunden reden Sie über anderes als nur Rasenmäher. Und wenn Sie von Gartentechnik reden, dann möglichst über die Dinge, die Sie wirklich begeistern (Neuheiten zum Beispiel, Details) und nicht ausschließlich über Ihre aktuellen Angebote. Verlinken Sie auf Ihre Website, aber mindestens genauso häufig, besser häufiger zu Dritten.

Allerspätestens dann, wenn Sie selbst das Gefühl bekommen, nur noch über Ihre Person oder Ihr Unternehmen zu sprechen, läuft etwas falsch.

Das grundlegende, übergeordnete Ziel der Nutzung Sozialer Netzwerke besteht im Selbstzweck Netzwerken: Kontakt halten, regelmäßiger Austausch und Diskurs. – Was Otto Normalverbraucher antreibt, sollte auch Sie antreiben: Ihre Bekannten und vor allem geschäftlichen Kontakte noch besser kennenzulernen als zuvor.

Daneben bieten Netzwerke die herausragende Möglichkeit, auf Leistungen und Produkte aufmerksam zu machen, im Bestfall in Reaktion auf laufende Gespräche. Womit sich die Frage stellt, wo es losgehen sollte und wo Schwerpunkte gesetzt werden können:

Xing ist im unternehmerischen Bereich fast schon eine Pflichtübung
      : Hier sollten Sie Ihr Profil hinterlegen und sich vernetzen, speziell mit Ihren Profikunden aus dem Gartenbau-, GaLaBau- und dem kommunalen Bereich. Eine breite Kommunikation (an viele Empfänger) ist bei Xing weder besonders gewünscht noch wirklich möglich. Wenn Sie internationale Kontakte haben, sollten Sie
LinkedIn
      (das rein englischsprachige Original) hinzunehmen.

Facebook ist nicht nur in Deutschland und weltweit das größte, sondern auch das vielfältigste und differenzierteste Soziale Netzwerk: Verschiedenste Schnittstellen haben Dritten ermöglicht, eine mittlerweile kaum noch zu überblickende Anzahl sogenannter Apps zu entwickeln. Diese kleinen, häufig nützlichen Applikationen/Software erweitern die Möglichkeiten von Facebook gravierend. – StudiVZ, SchülerVZ, MeinVZ sind schlechte Kopien ohne Mehrwert. Ausnahmen sind, wenn überhaupt, SchülerVZ oder StudiVZ, da Sie dort wunderbar Bewerber vorab prüfen können. – MySpace diente ursprünglich im Besonderen dem Austausch von und über Musik, hat seine Stellung aber heute weitgehend verloren. – WKW und Lokalisten bieten kaum Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten.

Twitter und andere Mikroblogging-Anbieter sind die Shooting Stars der letzten 18 Monate: Sie haben Ihre Funktion vollständig auf das Übermitteln und Empfangen von Statusmitteilungen (140 Zeichen) reduziert (Streaming). Darüber hinaus erfolgt die Vernetzung hier nicht reziprok, was bedeutet, dass keine Bestätigung eines Kontakts erforderlich ist, um dessen Mitteilungen zu folgen. Vor allem ist Twitter aber im Grundsatz vollständig öffentlich, also – anders als Xing oder Facebook – ohne Mitgliedschaft für jeden im Web einsehbar. – Mikroblogging hat zweifelsohne eine besondere Zukunft, ist aber eher eine Fortgeschrittenenübung und kein guter Startpunkt.

Was zu beachten ist

Risiken sollen an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Ein eklatanter persönlicher oder auch sachlicher Exhibitionismus kann Ihrer persönlichen und unternehmerischen Reputation nachhaltig schaden. Veröffentlichen Sie nur, was Sie auch in 10 Jahren noch im Internet von und über sich lesen möchten. Seien Sie freundlich und wohlgesonnen: Was auf den ersten Blick wie ein Affront aussieht, ist häufig ein Missverständnis. Also lieber direkt und nicht öffentlich nachfragen, als aufgeregt reagieren.

Netzwerken ist nicht nur offline, sondern auch online zeitaufwändig: Was Sie an Aufmerksamkeit geschenkt bekommen, investieren Sie auch. Wie überall gilt: Von nichts kommt nichts! Die Abwägungsfrage lautet insofern, was Sie für sich und Ihr Unternehmen herausholen können und was es Sie kostet, in Sozialen Netzwerken nicht sichtbar, verfügbar und kontaktierbar zu sein. Ihre Kunden werden Ihre Präsenz schon bald erwarten. Noch kann in relativer Ruhe gelernt und können kleinere Fehler ohne größere Folgen gemacht werden. Morgen wird, wie heute im Web, von Unternehmern ausschließlich Professionalität gefragt sein.

Gerrit Eicker, im Oktober 2009; kommentierenAktuelles zum Thema Social Networking

Der Originalartikel aus dem Motorist 5/09, S. 40ff.:

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